Nichts ist so wunderbar,

dass es nicht wahr sein könnte.

Michael Faraday


...irgendwo zwischen dem alten Schrankkoffer voller antiquarischer Bücher, der sich, laut eines Aushangs, selbst als Leihbibliothek versteht und von einem jungen Schimpansen, der auf einer großen schwarzen Sanduhr balanciert, bewacht wird, und dem riesigen, illuminierten Standglobus, der im Sinnier-Zimmer des Doktors steht, habe ich zum ersten Mal einen Blick auf ihn erhaschen können. Ich vernahm zunächst bloß eine Bewegung, nicht mehr als ein Huschen im Augenwinkel, eine flüchtige Präsenz von etwas Lebendigem zwischen all den leblosen Dingen hier, die in der Regel dazu neigen, erst dann in ein gegenteiliges Dasein zu verfallen, wenn die neugierigen Blicke unserer Besucher ihrer habhaft werden und der Doktor selbst seine gesammelten Relikte vergangener Zeiten mit fabelhaften Geschichten vor unserem inneren Auge mit neuem Geist beseelt.

 

Doch vom Doktor war an diesem Tag keine Spur. Vermutlich hatte er sich in die Tiefen seiner Werkstatt zurückgezogen, wo er wieder einmal an irgendeiner alten rostigen Maschine herumschrauben würde, um diese mit mehr Sinn fürs Abenteuer als wirklichem Sachverstand in einen Zustand vermutlich funktionslosen, aber immerhin mechanisch einwandfreien Eigenlebens zu versetzen. Oder er klebte einem dem Zahn der Zeit oder wahlweise der Grausamkeit des Menschen zum Opfer gefallenen Schmetterlingspräparat die seidenpapierartigen Flügelchen wieder an den winzigen Leib, welches er zuvor vermutlich in einer alten Blechdose auf irgendeinem Flohmarkt aufgestöbert hatte, es dem Verkäufer, der vermutlich ein noch älterer Herr als er selbst war, für ein paar Cent abgenommen hatte, um diesen von der Last der Entscheidung zu befreien, ob es nun richtig sei, die Überreste eines Lebewesens, welches einst vermutlich völlig unfreiwillig sein Leben der Wissenschaft geopfert und Dekaden der Achtung wie Dekaden des Vergessens überdauert hatte, nun einfach zu entsorgen, oder es in einer Form später Ehrerbietung weiterhin Wochenende für Wochenende auf einem alten Tapeziertisch drapiert, feilzubieten.

 

Wenn der Doktor also in seine Arbeit vertieft war, hieß dies zumeist, dass die wunderlichen Dinge in seiner Kammer Ruhe hielten. Zwar schepperte und knarzte es hier und da, wenn man sich zwischen Glasstürzen, kunstvoll geschnitztem Mobiliar, glasäugigen Tierfiguren und allerlei noch von Federn und Zahnrädern angetriebenen Automaten sowie diversem gerahmtem oder gesockeltem Kunstrat hindurchbewegte. Und auch ein beständiges Ticken und Klacken sowie hin und wieder ein der aktuellen Stunde völlig widersprechender Gongschlag der vielen Regulatoren, Standuhren und sonstigen Zeitmessgeräte, für die der Doktor eine besondere Vorliebe unter den sovielen hat, begleitete einen von Raum zu Raum. Doch es fehlten die sanften Klänge von Musik, das Klimpern einer Spieluhr oder das Klirren von Gläsern, das Ratsching einer alten Registrierkasse oder der sirenenartige Gesang einer Kaiserzikade, die regelmäßig diese Räume begleitend zur Stimme des Doktors durchfluteten, wenn dieser seinen Besuchern von alten und neuen Legenden erzählt, die sich um die Gegenstände in seiner Sammlung zu ranken belieben.

 

Und in eben diesem ruheähnlichen Zustand, in den die Kabinetträume zumeist in den Abendstunden verfallen, vernahm ich nun dieses leise Rascheln. Und während ich noch überlegte, welchem der mich auf meinem Streifzug durch die heiligen Hallen des Doktors umgebenden Exponate ich dieses in die sprichwörtlichen (und in manchen Fällen dann doch wieder tatsächlich vorhandenen) Schuhe schieben könnte, folgte dem leisen Rascheln ein kaum lauteres Klacken. Dieses wiederum war mir bekannt. Die Kammer pflegt ein zuvorkommendes Eigenleben, welches u.a. impliziert, dass, sobald sie die Bewegung eines Besuchers vernimmt, sich auf dessen Weg durch die einzelnen Zimmer Lampen und dergleichen Lichtquellen an- und wieder abschalten. (Vermutlich nicht mehr als ein Selbstschutzmechanismus, der die Exponate vor zu breiten Füßen bewahren soll, aber zudem auch dem geneigten Betrachter ebenso wie dem Freund des Schöngeistigen sehr zuträglich.) So folgte denn also dem Klacken sogleich die Illumination des großen Globus, welche ich zwar im Raum vor mir erspähen, aber doch meines Wissens nach noch nicht hätte auslösen können. So beliebt das Rätselraten in diesem Hause für gewöhnlich ist, an dieser Stelle sollte es mir erspart bleiben, denn dem Klacken und der Illumination folgte sodann ein Scheppern sowie ein unterdrückter Laut des Unmuts, wiederum gefolgt von einem noch lauteren Scheppern.

Ohne die menschliche Neugierde würde dieses Museum wie so vieles nicht existieren, weshalb ich an dieser Stelle der Geschichte davon absah, das ominös-akustische Schauspiel einer desorientierten Maus oder einer allzu lebendigen Erzählung des Doktors anzudichten und mich sogleich daran machte, der Quelle des Ganzen auf die Spur zu kommen. Wobei ich zugeben muss, dass es keines Sherlock Holmes bedurfte, dieses Rätsel zu lüften. Denn kaum hatte ich den alten, leicht muffigen Ohrensessel des Doktors etwas zur Seite gerückt, stets bedacht, keinem der vielen zerbrechlichen Exponate auf den kleinen Regalbrettern Schaden zuzufügen, mit denen der Doktor sich auch hier gerne umgab, wurde mein Auge unmittelbar einer Veränderung habhaft, die ich so bestimmt nicht hinterlassen hatte. Denn keiner kennt die Ordnung der vielen 1000 Dinge hier so gut wie ich, nicht einmal der Doktor. So wie er zu jeder Skorpionsschwanzspitze oder erotischem Hollandsouvenir eine Geschichte ersinnen kann, so kann ich sagen, an welcher Untiefe im Bauch der Kammer es sich derzeit befindet.

So war also ausnahmsweise einmal etwas nicht verwunderlich an diesem Ort, nämlich dass der offenbar frisch entgleiste Zug, welcher zu Füßen des Globus normalerweise kreisrund wie das Gestirn über ihm seine Bahnen auf alten rostigen Schienen zog, traurig verheddert in einem den Boden bedeckenden Schaffell hing, sowie die nicht mehr ganz so frische Dose Globuspolitur mit unbekanntem Inhalt (sie ließ sich bereits bei ihrem Eintreffen in der Wunderkammer vor etlichen Jahren schon nicht mehr öffnen), die jemanden von einem der Regalbrettchen kommend, in unmittelbarer Nähe am Kopf getroffen hatte, so nicht gehörten. Nein, ganz und gar nicht.

 

Dieser unverschämte Eingriff in mein kuratorisches Seelenleben lenkte mich, zugegeben, vorrübergehend von der sich mir dargebotenen Situation ab. Da lag nun zu meinen Füßen und den Rädern des alten Blechspielzeugs, welches soeben seine Umlaufbahn verlassen hatte, ein kleiner Mann. Das Gesicht mir abgewandt, tief im bodendeckenden Teppich vergraben, auf dem Hinterkopf hing ihm schief eine leicht vergilbte Puderperücke, wie der Doktor sie zu tragen pflegte, wenn ihm „barock zu Mute war“. Ansonsten war das Männlein bis auf ein kurzes braunes Fellchen, das seinen gesamten Körper ummantelte, nun ja, nach humanen Maßstäben, splitternackt.

Für mehr Feststellungen zu seinem Äußeren blieb mir zunächst keine Zeit, da der Winzling nun begann sich zu regen und mich seinerseits sogleich mit kritischem Blick zu mustern. So verweilten wir Angesicht zu Angesicht in beiderseitigem wissenschaftlichem Interesse vertieft, bis der namenlose Kerl langsam begann herumzutasten, ohne dabei jedoch den Blick seiner kleinen schwarzen Knopfaugen von mir zu lösen und, fündig geworden, sodann eine alte verbogene Nickelbrille mit dicken runden Gläsern über seine lange Nase stülpte, die mir sehr bekannt vorkam. So sah sie doch aus wie eine Miniaturausgabe eines der Modelle, die der Doktor stets zu tragen pflegte, wenn ihm „nach einem gelehrteren Erscheinungsbild zu Mute sei“ (wobei der Doktor keine Gläser oder nur Fensterglas in seinen Gestellen trug, schließlich „sehe er ja noch bestens“, er sähe ohne nur nicht immer bestens aus).

Der nun geschärfte Blick meines Gegenübers kam auf irgendeinem Wege auch mir zu Gute, denn erst jetzt ging mir auf, dass es sich mitnichten, wie mein überstrapaziertes Hirn sich zu später Stunde im Impuls der ersten spontanen und wenig durchdachten Ideenfindung zusammen gesponnen hatte, um einen Pygmäen, welcher sich eventuell aus einem der Schaukästen gestohlen hatte oder gar um eines der vielen Präparate, welches unter Umständen neuen Lebensmut gefasst hatte, handeln konnte. Nicht, weil es nicht möglich gewesen wäre – an diesem Ort lernt man schnell, dass, nur weil unser Geist limitiert ist, dies nicht automatisch auch für alles andere gilt – nein, es schien mir zu diesem Zeitpunkt einfach unangebracht.

Nicht zuletzt eventuell aus diesem Grunde, dass mein Gegenüber, nun bereits wesentlich gefasster, auf die Beine kam, sich in einer eher symbolhaften Geste etwas Staub aus dem Pelz klopfte, eine kleine Fliege, die mir bislang entgangen war, zurechtrückte, seine Perücke leicht zum Gruße lupfte und mir schwanzwedelnd eine seiner knubbeligen fingerlosen Pfoten entgegenreckte. Ich beugte mich zu ihm herab, schüttelte noch leicht irritiert die mir angebotene Gliedmaße und sah nun nach der Neuausrichtung des nicht alltäglichen Kopfschmucks auch die zwei pelzigen spitzen Ohren, die daraus hervorlugten.

 

Die zu ihrer vollen Größe aufgerichtete etwa kniehohe, in ihrer Gesamtheit erstaunlich aristokratische Erscheinung erinnerte mich im Großen und Ganzen an einen aufrecht gehenden Miniatur-Lupus mit einem zwar antiquierten, doch erstaunlich ausgeprägten Modebewusstsein. Und noch bevor es hinter uns auf vertraute Weise begann zu knarzen und zu klirren und das suchende Konterfei des Doktors, angekündigt durch einen Lichtreigen, der sich vor ihm ins Zimmer schob, im Türbogen unterhalb eines gehörnten Fischkopfes auftauchte und uns beide bekannt machen sollte, dachte ich bei mir: Nichts ist so wunderbar, dass es nicht wahr sein könnte…


 

Aus: Vom baren Wunder und des Merkens Würdigem –

Meine Reisen durch die Wunderkammer des Doktoren Wolf,

Gimundi, 0.13.0.5.5.2