Jean-Jacques Rosseau


"Ich begrüße Sie, liebe Leser, zu unserem heutigen Interviewtermin. Ich sitze hier in Dr. Wolfs Wunderkammer, dem Museum für Geschichte(n), Kunst und Kurioses.

Und so wie sich dieses ungewöhnliche Museum gleich mit drei Themenbereichen auseinandersetzt, sitzen mir gegenüber auch direkt drei Interviewpartner. Wo ich doch eigentlich nur mit dem Namensgeber des Hauses verabredet war...

Herr Doktor Wolf, würden Sie sich unseren Lesern denn dann bitte als erstes kurz vorstellen?"

 

D.R. Wolf: "Entschuldigung, da muss ich gleich intervenieren. Ich bin Daniel R. Wolf. Der Doktor geht über meine Person hinaus."°

 

"Auf den zahlreichen Bildern zu Ihrem Hause sind aber stets Sie zu sehen!? Inwiefern sind Sie beide denn dann zu unterscheiden?"

 

D.R. Wolf: "Das ist nicht so eindeutig zu sagen."

(hält kurz inne, schaut an die Decke)

"Der Doktor ist gewissermaßen eine Kunstfigur, die mehr oder weniger zufällig ihr Erscheinungsbild und einige persönliche Eigenschaften mit meiner Person teilt."

Der Doktor: "Herr Wolf vertritt mich sozusagen in öffentlichen Angelegenheiten, …er leiht mir quasi sein Gesicht."

(lächelt, schaut flüchtig zu Hr. Wolf und klopft ihm kameradschaftlich aufs Knie)

 

"Ist der Doktor also gar keine reale Person?"

 

D.R. Wolf: "Einerseits ist er keine reale Person, insofern er nicht unabhängig von mir existiert. Andererseits existiere ich ja nun auch nicht mehr unabhängig von ihm." (lacht)

"Dabei steht er zudem stellvertretend für uns beide, also swolf und mich. Und insgesamt sind wir natürlich sehr real."

swolf: "Es ist ein Spiel mit dem Individuum und seiner Abstraktion in der Sammlung."

 

"Aber wer ist der Doktor denn dann? Und was macht er?"

 

swolf: "Um das zu beantworten, müsste ich einmal kurz ausholen: Sehen Sie, eine Sammlung ist immer eine Auswahl.

(macht eine kurze Pause, schaut mich über ihren Brillenrand hinweg an)

Und jedes Museum hat beinahe unendliche Möglichkeiten, ein Thema zu präsentieren und gleichzeitig nur sehr begrenzten Platz, um diese Möglichkeiten umzusetzen.

Dabei gibt es KEINE eindeutig richtige Auswahl. Es gibt nicht DAS Kunstwerk, das einen Künstler repräsentiert, es gibt nicht DEN Künstler der Renaissance oder des Jugendstils. Und auch mit hunderten Werken kann man keine Kunstepoche erschöpfend und eindeutig darstellen.

Ebenso ist es bei anthropologischen, technischen oder naturhistorischen Sammlungen."

(schaut zu Herrn Wolf)

D.R. Wolf: "Es werden immer Entscheidungen getroffen, ein Thema auf eine bestimmte Weise darzustellen. Und diese Entscheidungen sind natürlich maßgeblich von den Individuen geprägt, die sie treffen."(zuckt mit den Schultern)

swolf: "Wir wollten diesen Entscheidungen ein Gesicht geben. Der Doktor repräsentiert also diese Auswahl in unserer Sammlung. Er ist die Persönlichkeit, welche die Gestaltung des Museums bestimmt. Er ist der Grund, warum die Sammlung existiert und er bestimmt ihre Form.

Der Doktor ist so gesehen also gleichzeitig auch ein grundlegender Bestandteil unserer Sammlung." (lacht kurz)

 

"Aha. ok. Und was ist das nun eigentlich für eine Ausstellung, die Sie da repräsentieren, Herr Doktor? Was zeichnet Ihre Sammlung aus?"

 

Der Doktor: "Doktor reicht!"

(macht eine abwinkende Geste)

"Danke." (lächelt)

"Mich interessieren Dinge, die Geschichten erzählen oder anhand derer sich Geschichten erzählen lassen. Das müssen nicht immer unbedingt besonders wertvolle Objekte sein. Manchmal kann auch ein hundert Jahre altes und durch den ausgiebigen Gebrauch beinahe schon durchschnittenes Frühstücksbrett Anlass sein, um sich für Geschichte zu interessieren."

(Steht auf und holt das beschriebene Objekt aus einer Vitrine hervor)

"Da steckt so viel Leben drin, so viele Personen, die es schon in der Hand hatten. Und das spürt man, wenn man so etwas auch mal in die Hand nehmen und gewissermaßen über das Ding eine Erzählung erfassen kann."

 

"Aber was ist denn das konkrete Thema Ihrer Sammlung?"

 

Der Doktor: "Ein Thema gibt es nicht...

oder vielmehr gibt es ALLE Themen!"

(macht eine ausholende Geste und holt dabei beinahe den Schirm der Stehlampe neben ihm herunter, spricht jedoch unbeirrt weiter)

"Wie es schon in den historischen Wunderkammern üblich war, gehen bei uns Naturkunde, Wissenschaftsgeschichte, Mythen, Kunst und Kulturgeschichte(n) Hand in Hand. Das für uns entscheidende Merkmal dabei ist aber, dass ein Objekt ästhetisch ansprechend ist oder aber auf andere Weise eine spannende Geschichte zu erzählen im Stande ist."

D.R. Wolf: "Dabei geht es oftmals um Dinge, die in anderen Kontexten nicht unbedingt für sammelwürdig gehalten werden, weil sie unvollständig, beschädigt sind oder historisch nicht bedeutsam genug erscheinen. Uns treibt sozusagen die Lust am Rest an." (lacht)

swolf: "Es sind gerade die kleinen Dinge, die schnell in Vergessenheit geraten, die wir hier mit Leben füllen, bzw. am Leben erhalten wollen..." (denkt kurz nach)

"…und deren Geschichte(n) wir erzählen wollen."

 

"Bei so einem breitgefächerten Angebot fragt man sich natürlich, was eigentlich die Motivation ist. Was für ein Bildungsanspruch steht dahinter?"

 

Der Doktor: "Eigentlich will ich nicht belehren….ich will diskutieren, begeistern, neugierig machen! Ich möchte zeigen, wie schön es ist, zu wissen und zu lernen, zu entdecken – gerade auch abseits von ausgetretenen Pfaden."

D.R. Wolf: "Wir wollen den Geist der Universalgelehrten wiederbeleben, indem wir den Doktor quasi als Universaldilettanten eingesetzt haben, um die Wunderkammer zu betreuen und zu vermitteln."(lächelt den Doktor an)

 

"Was soll denn jetzt ein 'Universaldilettant' sein?"

 

D.R. Wolf: (räuspert sich) "Wie der Universalgelehrte ist er kein ausgeprägter Spezialist. Er beschäftigt sich nicht mit einem einzelnen Fachgebiet, sondern hat den Anspruch, sich in allen Wissensgebieten auszukennen. Die Bezeichnung Dilettant haben wir dabei aufgrund ihrer ursprünglich neutralen Bedeutung gewählt. So wurde einst jemand bezeichnet, der einer Beschäftigung nicht zum Gelderwerb nachging, sondern aus Vergnügen. Sozusagen um der Sache selbst willen. Dies sagte aber zunächst einmal nichts über seine Qualifikation aus." (lächelt)

swolf: "Gleichzeitig wollen wir aber auch darauf hinweisen, dass wir keine absoluten Wahrheiten anbieten. Es geht hier ja gerade um alternative Perspektiven. Wir wollen die üblichen Narrative ergänzen und zeigen, dass man kein Fachmann sein muss, um sich Gedanken zu machen. Manchmal kann eine unvoreingenommene Perspektive auch zu neuen Erkenntnissen führen, die dem Blick des Fachmanns verschlossen bleiben."

Der Doktor: "Ich befasse mich eingehend mit jedem neuen Stück, das zur Sammlung hinzukommt. Dabei bemühe ich mich sehr, alle interessanten Informationen und Hintergründe zusammenzutragen und weiterzugeben. Doch jedes Wissen ist naturgemäß unvollständig und durch die individuelle Sichtweise eingefärbt. So bleibt immer auch Raum für Diskussionen und Ergänzungen. Es freut mich stets, wenn einer unserer Gäste sich mit dem einen oder anderen Ausstellungsstück besser auskennt als ich oder dieses einfach etwas anders interpretiert und ich auch etwas Neues lernen darf!"

(lächelt zufrieden)

 

"Unvollständiges Wissen, individuelle Sichtweise und das Ablehnen fachlicher Meinungen. Das klingt alles nicht sehr wissenschaftlich…?"

 

Der Doktor: "Es geht hier ja auch nicht in erster Linie um Wissenschaft, sondern um Bildung. Oder eigentlich eher die Motivation zum Lernen! Aber es beruht alles auf unserer Liebe zur Wissenschaft und dem Willen, diese weiterzugeben.

Auch lehnen wir fachliche Meinungen nicht ab, wir betonen nur immer wieder gerne, dass jede Erkenntnis eine geistige Entwicklung vorrausetzt. Es geht uns darum, zu vermitteln, dass wir alle jederzeit und immerzu lernen. Und das ist auch wunderbar so! Nennen Sie mir einen Menschen, der glaubte, die absolute Wahrheit gefunden zu haben und daraufhin noch Gutes im Schilde führte."

(hebt den Finger, lacht kurz auf)

D.R. Wolf: "Wenn ich das noch ergänzen darf: Gewissermaßen möchten wir ja auch letzten Endes zur Wissenschaft hinführen. Schämen uns aber dabei nicht, dies auf unterhaltsame Weise zu tun!

Natürlich würden unsere Diskussionen nach wissenschaftlichen Standards keine verwertbaren Ergebnisse hervorbringen, aber sie geben Impulse."

swolf: "Sie geben Anlass zum Weiterdenken! Und das ist es, was uns antreibt. Wer neugierig ist, trägt auch die Bereitschaft zum Lernen und der Reflexion in sich. Das wollen wir gewissermaßen aus jedem herauskitzeln…"

Der Doktor: "Unser Motto! Wundert Euch wieder!"

(zwinkert mir zu, lacht)

 

°Zum Zeitpunkt des Interviews hat Herr Daniel R. Wolf seine Dissertationsschrift bereits fertig gestellt. Steht also selbst auch kurz vor der Promotion (im Fachbereich Kunstwissenschaft), wie er mir später noch verrät. Betont jedoch gleichzeitig, dass er sich die Lebenserfahrung und den Bildungsgrad des Doktors nicht anmaßen möchte.

 


Unsere Interviewpartner

Daniel R. Wolf, Jahrgang 1985, ist Kunstwissenschaftler (M.A.) und studierte außerdem Philosophie und Soziologie. Er hat seine Dissertationsschrift zum Thema Tierbilder in der historischen Sammlungsgeschichte Kassels 2019 an der Universität Kassel eingereicht. Nach seinem Masterabschluss 2013 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent im vom Land Hessen geförderten interdisziplinären LOEWE-Projekt „Tier – Mensch – Gesellschaft“ sowie anschließend an der Kunsthochschule Kassel. Ende 2019 beginnt er ein Voluntariat bei der Museumslandschaft Hessen Kassel. Seine Forschungsergebnisse wurden bereits in zahlreichen Publikationen und Vorträgen veröffentlicht.

Im Rahmen seiner Forschungsarbeit und Lehrtätigkeit befasste er sich eingehend mit historischen Ausstellungs- und Vermittlungskonzepten. Das interaktive Modell der Wunderkammer hat sich dabei auch als produktives Mittel gegenwärtiger Vermittlungsarbeit herausgestellt.

Sarah Wolf, Jahrgang 1985, hat ihren Abschluss in Bildender Kunst an der Kunsthochschule Kassel 2013 mit Auszeichnung absolviert. Seit 2011 arbeitet Sie unter dem Künstlernamen swolf und dem von ihr gegründeten Label schwarzerwolfweisserwolf selbstständig als freie Künstlerin und Illustratorin.

Seit September 2018 betreut sie die Sammlung Dr. Wolfs Wunderkammer als Kuratorin im analogen Bereich ebenso wie die umfassende Onlinepräsentation.

Durch ihre selbstständige Tätigkeit verfügt sie über ein breites Erfahrungsspektrum im künstlerisch-kreativen wie organisatorischen Bereich. Ihre Erfahrungen im An- und Verkauf vertieft sie derzeit durch ein Fernstudium in Antikhandel.

Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Arbeiten war stets die zugängliche – auch kindgerechte – Aufbereitung ernsthafter Themen, die Verbindung von Kultur und Humor, Unterhaltung und Bildung.

Der Doktor, auf die Welt gedacht um 2017 n.u.Z. zu Gimundi, findet erstmals Erwähnung in einem anonymen Reisebericht mit dem Titel „-> Vom baren Wunder und des Merkens Würdigem – Meine Reisen durch die Wunderkammer des Doktoren Wolf“.

Beschrieben wird er dort als alter, manchmal auch altersloser sowie humorvoller Mann mit Hang zu anachronistischer Garderobe. Es soll ihm etwas dandyesques ebenso anhaften, wie das Kauzige.

Zudem besäße er großes handwerkliches Geschick und sei nicht ungebildet; neige jedoch dazu, sich mehr mit dem ‚Warum nicht?‘ als dem ‚Warum?‘ zu beschäftigen und somit zusehends wunderliche Sachen von sich zu geben...